LIEBES SPIELART-PUBLIKUM,

 die Welt rückt näher: ISIS-Rekruten, das Ebola-Virus, die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, die Griechenland- und Eurokrise. Flüchtlinge sterben an Europas Grenzen und zugleich wachsen rechtspopulistische Parteien, Gewalttaten gegen Asylbewerber nehmen zu, Standpunkte verhärten sich, Feindbilder sind wieder „in“, die Sprache wird kriegerisch. Dem Monotheismus „alternativloser“ Politik, propagandistischen Tendenzen, simplifizierenden Welterklärungen und Sprachmustern setzt SPIELART eine transnationale Vielstimmigkeit entgegen. Die eingeladenen SPIELART-Künstler schaffen für 16 Tage ein Tableau vivant unserer Zeit. Vielfältige performative, installative und partizipative Formen der Welt- und Selbstbefragung vermitteln und provozieren Diskurse fernab der üblichen politischen Statements.


Im ersten Teil des Festivals legen wir den Fokus auf außereuropäisches Theater. Der kongolesische Künstler Dieudonné Niangouna artikuliert seinen Zorn auf Europa und die Korruption im eigenen Land, Akira Takayama die unbewältigten Vorgänge der menschengemachten Katastrophe von Fukushima. Die libanesischen Theatermacher Rabih Mroué und Tania El Khoury erzählen hautnah Lebensgeschichten aus dem Bürgerkrieg. Das mexikanische Teatro Linea de Sombra schildert eine alptraumartige Flucht durch die Wüste nach Texas und Mamela Nyamza aus Südafrika spürt in extravaganten Kostümen Klischees über afrikanische Frauen nach. Dabei können die Formate und Stilmittel nicht unterschiedlicher sein: Sie reichen von der Videoinstallation mit der aktuellsten 4K-Technologie über explosive Sprachkaskaden, Stimmen aus dem Erdreich bis hin zur Begegnung zwischen Künstler und einzelnen Zuschauern an einem geheimen Ort.

Zu diesem außereuropäischen Fokus setzen wir zwei Kontrapunkte: Zum einen die Needcompany, die, ausgehend von den Familienstammbäumen der Company-Mitglieder, eine alternative Weltgeschichte schafft - ein deutliches Statement gegen nationalistische Geschichtsverkürzungen. Einen weiteren Kontrapunkt bildet, unter Beteiligung von Kuratoren und Vortragenden aus vier Erdteilen, die Auseinandersetzung über den eigenen oft euro-zentristischen Standpunkt im Rahmen des Symposiums SHOW ME THE WORLD.

Breit zeigt sich das Spektrum der Themen und Formen beim Festivalschwerpunkt ART IN RESISTANCE am zweiten SPIELART-Wochenende. Seit 2009 haben wir zu unterschiedlichen Themen Künstler und Aktivisten zu Performance- und Diskursplattformen eingeladen. Auch andernorts haben vielfältige Veranstaltungen zu Artivismus und politischer Kunst stattgefunden. Dies war Anlass für uns, noch einmal Grundlagenforschung zu betreiben und einen weltweiten Open Call auszuschreiben. Aus über 800 Vorschlägen zeigen wir 40 größtenteils eigens für SPIELART produzierte Arbeiten in den Foyers und Räumen des Gasteig: Installationen, partizipative Projekte, Performances, Videos, Lectures, Diskussionen, Fotos und Plakate. Parallel werden an anderen Festivalorten kuratierte Theaterprojekte zu sehen sein – unter anderem die PROLETENPASSION 2015 ff., die uns in 65 Liedern die Geschichte der Klassenkämpfe von unten näher bringt, die epischen Projekte THE CIVIL WARS und THE DARK AGES von Milo Rau, sowie eine Schlafzimmerperformance mit psychiatrischen und polizeilichen Untersuchungsakten.

Die zweite Festivalwoche ist vor allem neueren Projekten gewidmet, die unter dem Label „New Works“ aktuelle künstlerische Positionen aus Johannesburg, Priština, Utrecht, Wien, Berlin/Tel Aviv vorstellen - und außerdem drei Uraufführungen von Ulrich Eisenhofer & Benno Heisel, Anna Konjetzky und satellit produktion, allesamt aus München.

Zum Festivalende laden wir in einer Gemeinschaftsaktion mit den Münchner Kammerspielen die Münchner Bürger ein, bei der WELT-KLIMAKONFERENZ von Rimini-Protokoll die Rolle der Delegierten zu übernehmen, genau 14 Tage, bevor vom 30. November bis 11. Dezember 2015 die nächste Weltklima-Konferenz in Paris stattfindet, von man sagt, dass dort die letzte Chance besteht, das Ruder noch einmal herumzureißen.

Zwischen diesen Festivaletappen zeigt uns Iggy Malmborg, wie man auf Kommando eine Erektion bekommt, Markus&Markus, was man über Sterbehilfe wissen sollte, Juha Valkeapää, wie man zu einer Henkersmahlzeit kommt und am letzten Abend bereiten uns Ariel Efraim Ashbel and friends einen irrlichternden Trip in eine ungewisse Utopie.


Wir freuen uns auf Sie!

Ihr SPIELART-Team